Mittwoch, 20.01.2021 05:11 Uhr

Fachmessen neu gedacht

Verantwortlicher Autor: Friedrich Scheuerecker Zorneding, 09.11.2020, 18:56 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 5698x gelesen

Zorneding [ENA] Bisher war es eher eine offene Entscheidungsfrage, inwieweit sich die Messeveranstalter mit den Möglichkeiten der digitalen Welt im Rahmen ihrer Dienstleistung befassten. Der elektronische Messekatalog als verlängerte Visitenkarte der Aussteller, die Planbarkeit eines Messebesuches mit Terminkalender, der Kauf der Eintrittskarten und Informationen zur Infrastruktur sind mittlerweile übliche Leistungen.

Eine Pandemie, welche das Zusammenkommen vieler Menschen auf begrenztem Raum unmöglich macht, bedroht nun den Unternehmenskern des Messegeschäftes. Eigentlich sollten die Messeveranstalter mit der Beschreibung der neuen Aufgabe gut klarkommen. Schließlich betreiben sie das Geschäft seit Jahrzehnten höchst professionell und haben sowohl Besucher als auch Aussteller permanent nach ihrer Zufriedenheit mit der gebotenen Leistung befragt. Wenn die richtigen Fragen gestellt wurden, sollten die Antworten die Basis für eine stimmige Bedarfsanalyse sein. Mit derer Verfügbarkeit lässt sich dann unschwer ein Pflichtenheft mit den ideal abzudeckenden Aufgaben der erforderlichen digitalen Konstruktionen beschreiben.

Welche Funktionen hat eine Fachmesse

Grob betrachtet haben wir ja eine Ausstellung, bei der die Anbieter ihre Produkte und Neuerungen präsentieren. Die Ausstellung begleitende Kongresse und Vorträge zu den, am Markt aktuellen Fragen runden gegebenenfalls das Programm ab. Natürlich verfügen die Messegesellschaften über einen veritablen Datenbestand ihrer bisherigen Aussteller, die sich ja auch bisher schon mit ihren Leistungen zusätzlich auf den digitalen Plattformen der Messebetreiber präsentierten. Die zentrale Frage ist natürlich: Welche Funktionen erfüllt so eine Messe noch? Und das geht weit über das reine Ausstellen von Produkten hinaus. Vielleicht waren diese sogar das „Salz in der Suppe“.

Ein Messegeschehen besteht ja nicht nur aus der grundsätzlichen Interaktion zwischen Ausstellern und Besuchern. Die Besucher einer Fachmesse untereinander schätzen dieses Raum- und Zeitgebundene Ereignis für ein zufälliges, da relativ ungeplantes Wiedersehen. In der Folge finden auch häufig gemeinsame Besuche bei Ausstellern statt, die einer Vorstellungsrunde gleichen und einer Empfehlungsebene folgen. Auch das gezielte Aufsuchen eines Anbieters dient häufig nicht primär der Frage nach Neuheiten, sondern vielmehr der Kontaktpflege mit den, als Standpersonal fungierenden Mitarbeitern die ihm als Kunden bereits bestens bekannt sind.

Man kennt sich in der Branche, trifft auch Ex-Kollegen die nun bei anderen Unternehmen beschäftigt sind und tauscht sich aus. Nicht zuletzt ist eine fachspezifische Messe auch eine Plattform für den Personalmarkt. Auch viele Aussteller untereinander nutzen die gemeinsame Zeit, die kurzen Wege und die Personenverfügbarkeit, um bestehende Geschäftskontakte zu pflegen, oder um Liefervereinbarungen oder andere Formen der Zusammenarbeit zu treffen. Für viele Aussteller ist ihre Anwesenheit auch die Pflege eines Renommee, welches sie fast nötigt an der Ausstellung teilzunehmen, um ihre Marktpräsenz zu dokumentieren. Besonders deutlich bei vielen Marktleadern, welche enorme Standflächen anmieten, um ihre Marktbedeutung hervorzuheben.

Der Innovation orientierte Besucher hat die Erwartung einer „Entdeckungsreise“, wobei er bei den etablierten Marktleadern erfahrungsgemäß nur die disruptiven Technologien vermutet. Sein Interesse gilt den Neulingen und Co-Ausstellern, die sich auf ein paar Quadratmetern mit ihren, auf den ersten Blick nicht assoziierbaren Neuerungen präsentieren; die findet man nicht im Katalog, wonach sollte man auch suchen. Wie intuitiv werden Such,- Kontakt,- und Kommunikationsfunktionen gestaltet sein und wie können sich diese von den digitalen Angeboten, die heute bereits manche Firmen mit „Webinaren“ und dergleichen bieten und im öffentlichen Raum mit den Suchmaschinen leicht auffindbar ist, unterscheiden.

Welche Leistung wird geboten

Ein schieres Auflisten von Leistungen in einem elitären Raum von Ausstellern schränkt den Suchenden eher ein; das „Wer liefert was“ Konzept ist überholt. Die Kosten für die Teilnahme an einer Präsenzausstellung sind nicht unerheblich. Sie betreffen ja nicht nur die Kosten für Miete, Ausstattung, Aufbau und Betrieb eines Standes, sondern auch in erheblichen Maße den Aufwand durch Personalbindung, Kosten für Reise, Übernachtung, Eintrittsgelder und Spesen für die Standbesatzung und gegebenenfalls für geladene Kunden und Interessenten.

Nun muss ein Messeveranstalter auch in der digitalen Welt etwas verdienen und auch die Standgröße beziehungsweise die Bedeutung des Ausstellers lässt sich durch ein Premiumpaket in der Preisliste darstellen. Allerdings muss das Invest auch für den Besucher erkennbar sein, damit das Repräsentationsziel erreicht wird; eine zusätzliche Aufgabe für die Kreativen. Andererseits stellt sich bei entsprechender Attraktivität des Basis Angebotes vielleicht ein Interesse von Ausstellern heraus, die bisher in Ermangelung von freien Mitteln auf die Teilnahme an einer Präsenzausstellung verzichtet haben.

Es wird spannend sein, zu sehen, was sich die Kreativabteilungen der Organisatoren zu dem Klavier der bereits üblichen digitalen Anwendungen und darüber hinaus werden einfallen lassen, um ihr Geschäftsmodell zu sichern. Zu erfolgreich dürfen sie aber auch nicht sein, was machen wir sonst mit den schönen Messehallen.

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