Montag, 15.10.2018 10:08 Uhr

Für unsere Kinder

Verantwortlicher Autor: Julia K. Rohde Düsseldorf, 06.08.2018, 18:10 Uhr
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Julia K. Rohde - Kommentar zu psychologischen Themen
Julia K. Rohde - Kommentar zu psychologischen Themen  Bild: Julia K. Rohde

Düsseldorf [ENA] Für unsere Kinder wünsche ich mir Zeit. Zeit sich zu finden, Zeit für Kreativität, Zeit zum Leben. Ich erinnere mich gern an meine Kindheit zurück. Sie war einfach toll! Was haben wir nicht alles getan, von dem man heute zu meinen Eltern sagen würde "wie konntet ihr nur?".

Oh ja, wir haben stundenlang im Wald oder im Feld gespielt, niemand wusste, wo wir waren, Handys gab es nicht, ganz zu schweigen von diversen GPS Geräten, um die Kinder auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Bitte nicht falsch verstehen, ich möchte sicherlich nicht damit sagen, dass es überflüssig ist oder nicht sinnvoll. Aber meine Mutter, die als Erzieherin bis zu ihrer Rente gearbeitet hat, hat mir vor kurzem einen weisen Satz gesagt: "schaffe Raum für deine Kinder, in dem sie auch mal etwas Verbotenes tun dürfen. Das ist wichtig! Sie brauchen Geheimnisse und müssen sich ausprobieren." Nun, wie ist das zu verstehen? Was genau sollen sie tun?

Kinder müssen sich selbst finden!

Ganz einfach: Kinder müssen sich selbst finden, müssen sich in unserer Welt zurechtfinden. Dazu gehören auch Fehler und Lektionen, die wir ihnen einfach nicht vermitteln können! Kinder müssen sich ausprobieren, immer wieder. Unsere Medien erklären uns jeden Tag auf eine sehr brutale Weise, wie viel in der Welt passiert, wie viele Kinder zu schaden kommen, physisch oder psychisch - oder beides. Aber ist es "mehr" oder "schlimmer" als früher? Darüber kann man sich streiten. Es sollte zumindest nicht als Grund genommen werden, seine Kinder in Helikopter Manier zu überwachen. Ich erinnere mich an zwei Situationen in meiner Kindheit. Die Gegend in der wir wohnten könnte man als "behütet" beschreiben.

Wir sind mit unseren Rädern durch die Strassen gefahren, auch schon im Grundschulalter. Wir haben im angrenzenden Wald verstecken gespielt, sind im Maisfeld herum getobt und haben uns diverse Male darin verlaufen. Kurz, wir haben unglaublich viel erlebt, wahninnig viel Quatsch gemacht und sicherlich wussten unsere Eltern davon nicht alles. In dieser Zeit sind 2 Mädchen ermordet worden, keine zwei Kilometer von meinem Elternhaus entfernt. Wir haben es natürlich mitbekommen, eine davon war die Schwester eines Mitschülers in der Grundschule, das andere Opfer eine Jugendliche aus der Nachbarschaft. Diese Erlebnisse haben uns alle erschüttert, uns zum Nachdenken gebracht und natürlich auch viele Eltern in Sorge um ihre Kinder gebracht.

Aber hat sich dadurch etwas geändert? Wurden die Eltern zu "Übereltern"? Nein, zumindest nicht in meiner Kindheit. Meine Eltern haben uns dennoch weiter draussen spielen lassen mit anderen Kindern, wir haben unsere Lektion dahingehend mitgenommen, dass wir niemals alleine unterwegs waren, Fremden gegenüber von Natur aus eher noch skeptischer wurden, und rein instinktiv mit verschiedenen Situationen anders umgegangen sind. Kinder sind nicht dumm. Sie haben nämlich eine Gabe, die uns Erwachsenen leider mit jedem Lebensjahr mehr verloren geht: Instinkt! Und je mehr Kinder diesen von Anfang an nutzen, desto einfacher werden sie in Situationen richtig handeln, ohne das handeln erst lernen zu müssen. Sie machen es einfach instinktiv.

Schneller, weiter, höher! Der Leistungsdruck steigt enorm

Also bitte, liebe Helikopter Eltern, gebt euren Kindern die Luft zu atmen, ihre eigenen Erfahrungen und auch Fehler zu machen und einfach zu LEBEN. Darüber hinaus frage ich ich immer öfter, warum Kinder mit 5 Japanisch lernen oder schon in der ersten Fussball Auswahl glänzen müssen. Kürzlich berichtete mir eine Mutter, ihr Sohn sei nicht gut genug, um jemals Profi zu werden, das hätte der Trainer gesagt (Anmerkung: der Junge spielt bereits in einer bekannten Jugendauswahl). Erst einmal würden wir vielleicht sagen "gut, das Kind hat vielleicht einfach etwas anderes, was besser zu ihm passt". Jetzt aber kommt das paradoxe: Das Kind ist fünf Jahre alt! Ja, richtig gehört, es ist FÜNF!

Überlegt man sich einmal mit gesundem Menschenverstand, dass Kinder in diesem Alter in der Entwicklung unterschiedlich weit sind - die einen schnell im Kopf, die anderen haben eine unglaubliche Augen Hand Koordination, die nächsten entwickeln gerade ein musikalisches Gehör - sich dann aber oft ein paar Jahre später angleichen und lediglich ein oder zwei grosse Talente entwickeln, wie kann ich mir das Recht herausnehmen, um über ein Kind zu urteilen, was noch lange nicht fertig ist, mit seiner kindlichen Entwicklung und Ausprägung, um einen solchen Satz zu sagen? Wir werden immer älter, warum haben wir es immer eiliger, unsere Kinder zur Leistung zu drängen? Wie viel davon ist wirklich "Kindeswunsch"?

Gerade wurde in NRW die Schulzeit auf der weiterführenden Schule bis zum Abitur wieder von 8 auf 9 Jahre erhöht - nachdem die 8 Jahre gescheitert sind. Halleluja! Zu viel Stoff, dazu hoher Druck auf die Schüler, keine Möglichkeit mehr, ein Auslandsjahr einzuschieben, keine Zeit mehr, sich selbst zu finden. Die Schüler und Lehrer haben final "gewonnen". Immer wieder höre ich, andere Länder wären uns so weit voraus. Ich gebe zu, das sind sie sicherlich, vor allem in den "Lernsystemen" (ich nenne es extra einmal nicht Schulsystem). Aber warum heisst Kindergarten denn auf englisch und in vielen anderen Sprachen "Kindergarden"? Vielleicht ja, weil wir doch irgendetwas richtig gemacht haben. Ich habe viel im Ausland gearbeitet.

Selbst in Ländern, in denen Kinder eine grosse Rolle spielen, wurde ich mit grossen Augen angeschaut, dass wir in Deutschland so kinderfreundlich sind, was Arbeitnehmerrechte angeht. Immer wieder beschweren wir uns, wie schwierig es ist, in den Beruf zurück zu kehren, wie schwer es doch ist, alles unter einen Hut zu bringen. Ja, das ist schwierig, und ich urteile sicherlich nicht über alleinerziehende Mütter, die 3 Jobs parallel machen müssen um die Familie zu ernähren oder über Arbeitslosigkeit! Aber: in Deutschland haben Eltern die Zeit, ihre Kinder zu grossartigen kleinen Persönlichkeiten heranwachsen zu sehen und sie dabei zu unterstützen. Das gibt unser System her.

Gebt den Kindern Zeit!

Auch wenn man es nicht nutzen kann aus verschiedenen Gründen, in vielen anderen Ländern gibt es diese Möglichkeit gar nicht! Nutzt diese Zeit! erlebt sie mit euren Kindern und gebt ihnen das mit, was sie in ihrem Leben brauchen werden! Gebt den Kindern die Zeit, die sie brauchen, um sich selbst zu finden, die kleine Persönlichkeit zu entwickeln, die sie hinterher in ihrem späteren Leben noch so oft brauchen werden. Ich selbst bin erst mit sieben in die Schule gekommen. Ich weiss noch um die grosse Diskussion bei uns zu Hause. Menschen, die meinen Eltern vorgeworfen haben, mein "Potential" zu verschenken.

Als es dann darum ging eine Klasse zu überspringen, gab es ein ganz unspektakuläres "ich möchte nicht" von mir und eine unglaublich liebevolle Akzeptanz dieser Tatsache von meinen Eltern. Zurückblickend auf mein bisheriges Leben würde ich nicht sagen, dass ich dadurch irgendwelche Nachteile hatte. Ganz im Gegenteil! Warum also muss alles höher, schneller, weiter, erfolgreicher sein? Warum gibt es immer mehr "Eislauf Eltern", die ihre Kinder zum Erfolg drillen, ohne zu hinterfragen, was das KIND eigentlich möchte? Es kann so einfach sein, das Kind mit Spass zu fördern und zu fordern, vor allem dem Kind durch Spass und durch die kleinen Herausforderungen des Alltags das Selbtbewusstsein zu geben.

Es wird früh genug "alleine" sein in bestimmten Situationen. Heutzutage, in einer Zeit in der das Durchschnittsalter bei den unseren Kindern ca 80 Jahre sein wird, sollten wir vielmehr endschleunigen als beschleunigen, dem Kind die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren und so sein wirkliches Ich zu finden, um diese 80 Jahre glücklich zu verbringen mit den Dingen im Leben die ihm Spass machen, den Beruf zu finden, der wirklich zu ihm passt und das Leben zu führen, was sich das Kind wünscht. Das, was wir dort so unglaublich einengen und teilweise drillen, das ist unsere Zukunft!

Von der wünsche ich mir allerdings keine "emotionslosen Maschinen", die auf Erfolg gedrillt sind - das habe ich durch die fortschreitende Digitalisierung bereits auf technischer Ebene, aber das ist ein anderes Thema - ich wünsche mir emphatische Menschen, die sich auf sich selbst berufen, auf ihr Bauchgefühl verlassen können, das tun, was ihnen Spass macht, weil sie genug Zeit hatten, sich mit sich selbst zu beschäftigen und zu ihrer Persönlichkeit finden konnten.

Für unsere Kinder wünsche ich mir, dass sie nicht das Leben führen müssen, was ihre Eltern nie hatten, dass sie einfach sie selbst sein können und dass sie mit der Welt, die wir ihnen hinterlassen haben, irgendwie in Einklang leben können. Ich wünsche es ihnen von Herzen.

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