Mittwoch, 18.07.2018 20:19 Uhr

Selbstmord - ein Plädoyer für eine bessere Wahrnehmung

Verantwortlicher Autor: Julia K. Rohde Düsseldorf, 04.07.2018, 11:14 Uhr
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Düsseldorf [ENA] „Selbstmord braucht keinen Anlass, er braucht Reife“ sagte einst Peter Rudl, ein deutscher Aphoristiker. Aber stimmt das wirklich? Braucht es wirklich keinen Anlass, sondern nur die Reife, um diesen schwierigen und finalen Schritt zu gehen? Und ist es allein die Reife der Idee, die einen Menschen dazu bringt, sein Leben zu beenden? Ich bin der Meinung, dass wesentlich mehr dahinter steht.

Warum beschäftige ich mich im Moment eigentlich mit so schwierigen Gedanken, während draussen im Garten bei strahlender Sonne die Vögel zwitschern und die Welt uns mal wieder einen perfekten Tag vor die Füsse geworfen hat, um ihn dann auch gebührend zu nutzen? Vielleicht weil es auch an solchen scheinbar „perfekten“ Tagen dazu kommt, dass Menschen sich entscheiden, aus diesem Leben zu scheiden, und zwar auf ihren eigenen Wunsch. Was genau steckt aber dahinter? Die totale Verzweiflung? Geldsorgen? Eine Trennung? Depressionen? Unheilbare Krankheiten? Gehen wir mal weg von Menschen, die ihr Leben aus einem Grund beenden, der für viele Menschen zumindest nachvollziehbar ist.

Ob man verstehen muss, dass man sich deswegen das Leben nimmt, ist eine ganz andere Frage. Aber dennoch kann man nachvollziehen, dass ein todkranker Mensch sich das Leben nimmt, wenn er merkt, dass er in ein Stadium der Krankheit gelangt, welches ihm sein derzeitiges Leben, was er so sehr liebt, in der Form nicht mehr ermöglicht. Also weg von Menschen, die ihr Leben scheinbar lieben, und es deswegen beenden, auch wenn dies schon sehr paradox klingt. Also hin zu den Menschen, bei denen wir uns immer wieder fragen „warum“?

Und genau an diesem Punkt müssen wir uns eingestehen, dass wir Menschen, die an Krankheiten wie einer Depression leiden, aus der Gesellschaft ein stückweit isolieren. Depressionen oder andere psychische Krankheiten werden entweder verschwiegen, nicht ernst genommen, oder gar als „ neuzeitliches Getue“ bezeichnet. Fatal, denn um das „warum“ zu beantworten, müssen wir als nicht Betroffene erst einmal verstehen, was genau in so einem Menschen vorgeht. Gemeinhin werde ich gefragt „Warum hat er das getan? Wie konnte er so die Kontrolle verlieren?“ Wie erkläre ich dann den Fragenden, dass die Person genau wusste was sie tat? Dass sie sicherlich NICHT die Kontrolle verloren hat?

Sondern dass sie für sich in dem Moment entschieden hat, dass das die beste Lösung ist, und zwar sehr sachlich und nüchtern? Fragen wie „war es die Depression? War es die Bipolare Störung? Waren es Geldsorgen? Alkohol?“ Sind wohl die häufigsten, die ich höre. Allerdings führen alle diese Probleme wohl am Ende nicht dazu, dass ein Mensch sich entscheidet, sein Leben zu beenden. Diese Faktoren begünstigen sicherlich die Entscheidung zur Selbsttötung, aber sie sind nicht der eigentliche Grund. Viele Menschen leiden an oben genannten Krankheiten ohne auch nur an Selbstmord zu denken! Wie also kommt es, dass manche Menschen sich dazu entscheiden, das Leben zu beenden, andere aber weiter leben? Zufall? Gute Therapie? Das Umfeld?

Die Abkopplung von allen lebensbejahenden Gründen

Es gibt einen Punkt, den alle Menschen, die sich für die Selbsttötung entscheiden, gemeinsam haben. Sie fühlen sich „Abgekoppelt und los-gelöst“ - Abgetrennt von allen Gründen, die dafür sprechen würden, am Leben zu bleiben. Diese Personen fühlen sich wertlos - einer der wichtigsten Gründe für die Menschheit zu existieren. Einen Wert zu haben. Hat man als Mensch keinen Wert, stellt sich automatisch die Frage, was man auf dieser Erde zu suchen hat.

Weiterhin beschreiben sie ihre Situation häufig als hoffnungslos. Losgelöst von einer Zukunft, in der sie existieren, da genau diese Zukunft wertlos erscheint, wenn bisher keine Therapie, keine „Extra Meile“ Besserung oder Linderung verschafft hat und man immer noch Dinge wie Schlafstörungen, Migräne, Sucht etc in seinem Leben wiederfindet. Viele Menschen, die einen Suizid überlebt haben, sprechen darüber, wie hilflos sie sich fühlen - und somit auch absolut losgelöst von der Möglichkeit, sich selbst aus dieser Situation zu befreien, meist in der verstärkten Form auch als antriebslos beschrieben.

Nutzlos zu sein, ist dann nur ein weiterer Schritt im Gedankengang, denn wie kann man, wenn man wertlos und hoffnungslos ist, darüber hinaus auch noch hilflos, für irgendwen von Nutzen sein? Man fällt seinem Umfeld nur noch zur Last - sieht sich selbst als grosse Belastung - möchte nicht, dass das Umfeld ständig helfen muss. Auch wenn Freude und Familie das Gegenteil beteuern! Ein Gebrochenes Bein heilt, ein Tumor kann zumindest im Versuch der Heilung behandelt werden. Das sind greifbare Krankheiten. Gefühle wie Hilflosigkeit, das Gefühl, sich nicht selbst aus diesem Konstrukt befreien zu können, wertlos zu sein und damit auch für alle Menschen im direkten Umfeld nutzlos ist etwas, was nur dieser Mensch selbst „heilen“ kann.

Durch bestimmte therapeutische Ansätze, durch gezielte Fragen (Coaching), natürlich fast immer gestützt durch eine medikamentöse Therapie, aber dennoch muss der Mensch sich ein Stück weit selbst heilen, was der empfundenen und gelebten Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit natürlich absolut widerspricht. Auch die Beschreibung sinnlos passt für viele suizidgefährdeten Menschen gut auf die eigene Wahrnehmung. Sie fühlen sich nicht nur wertlos, sondern vermissen den tieferen Sinn in ihrem Leben. Oft kann man hören „ich schäme mich dafür, dass ich keinen echten Nutzen habe“ - auch hier hilft kein Gegenreden wie z.b. „aber du hilfst doch Menschen“ (z.B. durch karitative Tätigkeiten).

Sinnlosigkeit ist ein so subjektives Gefühl, dass gutes Zureden das Gefühl der Nutzlosigkeit nur noch mehr verstärkt, da der Gedanke aufkommt „siehst du, jetzt musst du dich schon wieder um mich kümmern und ich bin nur eine Belastung“. Das einzige Gefühl, was die Sinnlosigkeit noch übertrifft ist das Gefühl bedeutungslos zu sein. Wenn das Leben eh schon keinen Sinn hat, welche Bedeutung habe ich dann als Person? Keine! Am Ende ist es aussichtslos, es gibt keinen Grund, nicht zu springen, nicht die Tabletten zu nehmen, sich nicht vor den Zug zu legen.

Alle diese Gründe, sich abgekoppelt und losgelöst zu fühlen, führen am Ende zu dem einen Punkt! Dem Punkt an dem die Person sich entscheidet, die Welt von sich selbst als Belastung zu erlösen. Sie tun das nicht für sich, das ist kein Egoismus, wie viele Menschen oft fälschlicherweise denken. Diese Menschen töten sich selbst aus Liebe, aus Freundschaft, aus Scham, aus Verzweiflung, um endlich keine Belastung mehr für ihr Umfeld zu sein. Würden wir jetzt behaupten, wenn wir einfach nur die „-losigkeiten“ ändern, ist alles wieder gut, wäre das zu einfach. Diese veränderte Selbst- und Weltwahrnehmung ist krankhaft. Nur ist genau das den betroffenen Menschen oft nicht bewusst.

Nehmen wir folgendes Beispiel: Das Gras ist grün. Klar wir alle würden grün so definieren, wie es unser Auge wahrnimmt. Nun steht neben mir ein Mensch, der eine Rot Grün Schwäche hat. Für ihn ist Grün eher ein Grau. Bis wir aber wissen, dass neben uns ein Mensch steht, der eine Rot Grün Schwäche hat, muss erst einmal der Mensch von sich aus feststellen, dass er ein anderes Grün sieht als alle anderen. Das ist der erste Schritt. Ihn also vor der Diagnose und Hilfe bei seiner Krankheit davon überzeugen zu wollen, dass sein Grün falsch ist, wird nicht funktionieren. Ein bisschen ähnlich ist es hier. Ein Mensch, der sich wertlos fühlt, wird sein Gefühl nicht dadurch verändern, dass Freunde und Familie ihm beteuern wie wertvoll er ist.

Das direkte Umfeld kann nur bedingt helfen

Wie gesagt fühlt er sich am Ende nur noch schlechter, weil er der Familie und den Freunden zu Last wird, dadurch dass sie das Gefühl haben, sie müssten ihn aufbauen. Aber wie schafft man es dann, den Teufelskreis zu durchbrechen? Sicherlich können einige Selbsttötungen durch Medikamente erst einmal verhindert werden. Ich bin allerdings der Meinung, dass zuhören und sich hineinversetzen mindestens genauso sehr dazu gehört und umso nachhaltiger ist. Wenn man als Aussenstehender versucht, die Trauer, die Verzweiflung, die Angst und auch die Hilflosigkeit zu verstehen, die richtigen Fragen zu stellen und den betroffenen Menschen dahin zu führen, sich selbst zu helfen, ist die Lösung wesentlich nachhaltiger und tiefer!

Ein guter Coach oder Gesprächstherapeut kann hier sehr erfolgreich sein! Doch was kann das direkte und enge Umfeld am Ende wirklich tun? Meine ehrliche Meinung: nur sehr wenig. Da sein, zuhören, aber nicht bedrängen mit Hilfe oder Gesprächen. Ein guter Blick ist Gold wert, für den Moment, in dem ich noch Zugang habe und dem Menschen die Hilfe indirekt zukommen lassen kann, die er braucht. Oft reicht es, einfach zu sagen „sprich mal mit der Person xyz“ und eine Coaching Empfehlungskarte in die Hand zu drücken. Das wird von den Betroffenen oft nicht als „Belastung“ gesehen sondern gern als externer Impuls angenommen.

Passiert dies allerdings zu weit unten in der Abwärtsspirale, wird auch das nicht mehr funktionieren. Sobald das Gefühl sich einstellt, „gehört“ und verstanden zu werden, schaffen es viele Menschen, sich aus diesem Teufelskreis der Losgelöstheit zu befreien und sich langfristig zwar mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen zu arrangieren, aber die Suizid Gedanken aus ihrem Leben zu verbannen. Was aber, wenn der Suizid bereits passiert ist? Kann man die Menschen, die sich entschlossen haben, das Leben selbstgewählt zu verlassen wirklich verstehen? Ich finde es unglaublich wichtig, sich immer vor Augen zu halten, dass sie es aus Liebe, Respekt und Verantwortlichkeit getan haben.

Aus Liebe und Respekt für die Menschen, die ihnen wichtig sind, um diesen Menschen nicht mehr zur Last zu fallen, um allen Menschen im Umfeld das Leben endlich zu erleichtern! Auch wenn es uns vor allem am Anfang schwer fällt, so sind es immer die positiven Dinge, die wir im Gedächtnis behalten sollten. Auch wenn die Entscheidung für alle Betroffenen die Falsche war, so war es für diesen einen Menschen der einzige Weg, seine Liebe und Stärke noch ein letztes Mal zu beweisen. Josef Bordat, ein deuscher Publizist und Autor, hat einmal gesagt „Es ist schon komisch, dass in einer Gesellschaft, in der die Selbstmordrate seit Jahren ungebrochen hoch liegt, immer öfter von HappyHour, HappyHippo oder HappyDigits die Rede ist“.

Auch ich finde das einen Gedanken, den man einmal sacken lassen sollte. Unsere Gesellschaft wird immer schnelllebiger, immer perfektionistischer; die Zukunft wird sich radikal verändern und die Frage nach Wert und Sinn eines Individuums wird immer öfter gestellt. Das macht es Menschen, die sowieso schon mit sich hadern, nicht leichter. Die kollektiven Auslöser für die Absicht der Selbsttötung und die fehlerhafte / krankhafte Selbstwahrnehmung sind erst bei genauerem Hinsehen wirklich sichtbar. Viele suizidgefährdete Menschen leben nach aussen ein tolles Leben, haben eine Familie, einen guten Job, sind für die Meisten auf den ersten Blick gesund.

Wie also soll da auffallen, dass sie unter einer psychischen Erkrankung leiden oder in einer Sucht gefangen sind? Es gibt bestimmte Verhaltensweisen, die das Umfeld durchaus bemerken kann, sofern es denn will (und diese Aussage mache ich bewusst provokativ!) : Antriebslosigkeit über einen längeren Zeitraum, meist auch Lustlosigkeit im Alltag, übertriebene Fröhlichkeit auf gesellschaftlichen Anlässen wie Geburtstagen etc, erhöhter Alkohol Konsum, Schlafstörungen und immer öfter psychosomatische Erkrankungen z.B. des Herz-Kreislauf-Apparates oder typische Stress Erkrankungen (Magenschleimhaut Entzündung, Tinnitus usw.). Dazu kommen noch viele Anzeichen, die allerdings für Menschen im Umfeld eher schwieriger zu erkennen sind.

Wer also einem betroffenen Menschen wirklich helfen möchte, versucht ihn nicht davon zu überzeugen, dass sein Selbstbild falsch ist, sondern gibt ihm den Rückhalt, den er braucht, um sich professionell helfen zu lassen - und das über rein medikamentöse Hilfe hinaus. Auch wenn es unglaublich schwierig ist, denn automatisch tendiert man dazu Dinge zu sagen wie „spinnst Du? DU bist doch erfolgreich, hast eine tolle Familie, bist gesund“, es wird nicht helfen, im Gegenteil eher schaden.

Ich persönlich wünsche mir, dass psychische Erkrankungen endlich nicht mehr als potentielle Schwäche angesehen werden sondern als das was sie sind, eine Krankheit, die genauso tückisch und in schlimmsten Falle tödlich sein kann wie andere schwere Krankheiten auch! Ich möchte mit einem Zitat von Peter Rudl enden: „Es gibt wohl kaum etwas in seiner Bedeutung so Sublimes oder auch Erhabenes wie den frei gewählten Tod als gelassener Ausdruck vollkommender geistiger Souveränität“

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