Sonntag, 26.07.2026 22:07 Uhr

Buchbesprechung: Kohei Saito - Am Ende des Fortschritts

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 26.07.2026, 18:40 Uhr
Fachartikel: +++ Politik +++ Bericht 362x gelesen
Kohei Saito - Am Ende des Fortschritts, Hintergrund Big Ben (Fotomontage)
Kohei Saito - Am Ende des Fortschritts, Hintergrund Big Ben (Fotomontage)  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] Land, Wasser, Nahrung und Energie, das sind die Grundelemente, die wir auch in Zukunft benötigen. Aufgrund der Klimakrise werden Versorgungsengpässe und ein teilweise absoluter Mangel die Situation der Ressourcen verschlechtern und die Erde unbewohnbar machen.

Doch die Superreichen glauben sich darüber hinwegsetzen zu können, indem sie sich die knappen Ressourcen aneignen und monopolisieren. Diese Entwicklung lässt sich nur geopolitisch steuern. Saito sieht einen Faschismus als das System der Zukunft, wenn wir den autoritären und libertären Kräften nicht entgegentreten. Tech-Milliardäre wie Elon Musk, Peter Thiel u.a. sehen sich als die Auserwählten, die sich die Macht aneignen und uneingeschränkt die Ressourcen für ihre Unternehmen nutzen. Ein Gipfel der Blindheit: Der Axel-Springer-Verlag hat am 17.7.26 Peter Thiel mit dem Axel Springer Award 2026 ausgezeichnet (ergänzt durch den Autor).

Saito erklärt uns die libertäre Ideologie, indem er Bezug auf Friedrich August von Hayek, dem österreichischer Ökonom im 20. Jahrhundert, nimmt. Hayek wetterte gegen die sowjetische Planwirtschaft. Für ihn ist die Wirtschaft nicht planbar, da die Akteure aufgrund ihres impliziten Wissens handeln. Er spricht von der spontanen Ordnung der Wirtschaft. Spontan heisst unplanbar, also wissenschaftlich nicht vorhersehbar. Der Markt regelt alles von allein. Andererseits sah auch Hayek, dass Umweltfragen besser beim Staat aufgehoben sind als bei dem kapitalistisch agierenden Unternehmer.

Karl Marx inspiriert Saito durch die Rententheorie (3. Band des Kapitals). Die Rentenökonomie erleben wir heute. Sie ist die letzte Phase des Kapitalismus, nach der Mehrwertproduktion durch die Warenproduktion. Die knappen Ressourcen und der Zugang zur Natur werden privatisiert. Ein permanenter Ertrag - wie die Grundrente für Boden – wird erzielt, ohne dass ein produktiver Wert (wie z.B. im Gebrauchswert und im Tauschwert der Ware) erwirtschaftet wird. Die Gewinner der Rentenökonomie sind die großen Tech-Unternehmen wie z. B. Meta, Apple, Microsoft, Amazon u. Alphabet. Ihre Gewinne schöpfen sie aus Surplus-Einnahmen, d.h. die können die hohen Gewinne erzielen, da sie eine Monopolstellung haben und unabhängig vom Markt den Preis bestimmen.

Marx spricht von dem Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, der durch den Kapitalismus gefährdet ist, beziehungsweise gestört ist. Saito wählt daher in seinem Buchuntertitel „Überleben in den Ruinen des Kapitalismus“. Zum Schluss erkennt Saito den Ausweg aus der Weltkrise. Ein neuer Sozialismus sollte es sein. Er nennt ihn „dunklen“ Sozialismus, da er unsere individuellen Freiheiten beschneiden wird. Notwendig ist er, da ohne die ökologisch, wirtschaftliche und gesellschaftliche Planung der Klima-Kollaps uns in den Faschismus und in das Chaos führt.

Die Klimakrise zeigt sich in Hitzewellen, Dürren, Waldbränden, im Rückgang der Bio-Diversität, in neuen Epidemien, in Verwüstungen durch Extrem-Wetter wie z. B. Stürme und Überflutungen. Die Weltnahrungsproduktion ist zurückgegangen: Mais um 4,1 Prozent, Weizen um 1,8, Sojabohnen 4,5 Prozent. Weitere Klimafolgen sind der Rückgang an Tier- und Pflanzenarten, Abschmelzen der Gletscher, Anstieg des Meeresspiegels. Die gigantischen Mengen an CO2-Ausstoß sind die Ursachen der Klimaerwärmung von 1.5 Grad Celsius. Sie ist nicht mehr zu verhindern, da sie schon eingetreten ist.

Das Wirtschaftswachstum als das Prinzip für Wohlstand und Fortschritt ist an seine Grenze gekommen. Bereits der Club of Rome hat diese These „Die Grenzen des Wachstums“ im Jahr 1972 aufgestellt. Über 50 Jahre später bestätigt sich, dass die Menschheit die Ressourcen nicht vermehren kann, sondern die Ressourcen ausgeplündert werden und der Mangel das Ende des Wirtschaftens bedeutet. Beschleunigtes Wachstum ist keine Alternative. Mangelwirtschaft und Polykrisen sind ein Risiko für die Gesellschaft. Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenrechte stehen auf dem Spiel. Der einzig gangbare Weg ist die sozialistische Anpassung an die Gegebenheiten.

Traum und Albtraum stehen sich gegenüber. Für die Superreichen ist es der Traum, für die anderen ist es der Albtraum: Verarmung, Existenznot usw. Die derzeitige Rentenökonomie ist die Endstufe des Kapitalismus. Viel Zeit bleibt uns nicht. Saito schätzt, dass wir noch zwanzig bis dreißig Jahre Zeit haben in einer Diktatur der Ökologie den Klimakollaps abzuwenden. Diktatur ist zu verstehen wie die von Marx geprägte Diktatur des Proletariats. In der Pariser Kommune sollten beide Richtungen das gleiche Ziel - die proletarische Revolution - verfolgen, sowohl von unten von der Basis als auch von oben durch die neue Regierung.

Ähnlich soll das neue ökologisch, sozialistische Gesellschaftssystem, die ökologischen Ziele strikt auf persönlicher, kommunaler Ebene als auch von oben durch die Regierung steuern. Eine Diktatur der Ökologie ist die nächsten 20 – 30 Jahre notwendig, um den Klimakollaps zu verhindern. Der Despotismus des Kapitals sollte beendet werden. An deren Stelle sollte die Demokratisierung der Arbeit vollzogen werden, so dass die Produzenten*innen bestimmen, was und wie produziert wird. Die Ökologie steht an erster Stelle, die Profite der Unternehmen sind untergeordnet. Viele Unternehmen, die die knappen Ressourcen nutzen oder produzieren sollten verstaatlicht werden.

Großprojekte, die keinen ökologischen und gesellschaftlichen Wertbeitrag spenden, sollten nicht weiterverfolgt werden. Beispiele sind die Olympischen Spiele, die Fußball-Weltmeisterschaft (Marokko will für 500 Mio. Dollar ein Megastadium für 150 Tausend Menschen bauen. Anmerkung durch den Autor) und andere zweifelhaften Großprojekte. Die Wirtschaft soll in eine partizipative Demokratie transformiert werden. Weitere Denkanstöße aus der Pariser Kommune nennt Saito: die Emanzipation der Bürgerrechte. Wir müssen mit Hunderten von Millionen Klimaflüchtlingen rechnen. Dies erfordert eine Care-Solidarität und auch die Bereitschaft Migranten und Klimaflüchtlinge aufzunehmen und in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Commons sind gemeinschaftlich produzierte, verwaltete und genutzte Güter. Dazu gehören Wasser, Energie, Wohnraum, das Gesundheitssystem oder die Natur, also Ressourcen die allen Menschen frei zugänglich sein und demokratisch kontrolliert werden sollen. Die Autonomie der Commons ist ein Schlüssel für die ökologische Umgestaltung. Lokale Begegnungen sind notwendig, um unmittelbar mit den Menschen, mit denen wir leben gesellschaftliche und wirtschaftliche Verbindungen einzugehen und die Commons zu verwalten.

Rationierungen und Enteignungen sind zusätzliche Konzepte, die Anwendung finden müssen, wenn es die Notsituation erfolgt. Unbezahlbarer Wohnraum darf nicht sein. Die Regierungen können dem durch Enteignung entgegentreten. Die Debatte um die Enteignung von Immobilienfirmen in Berlin, die durch Rückkauf ermöglicht werden sollte, wird kontrovers diskutiert. Eine Enteignung soll trotz Volksentscheid nicht stattfinden. Dazu hat Merz ein Gesetz angekündigt, das den Ländern Enteignungen von Wohnungsbaugesellschaften verbieten soll. (Juli 2026, Anmerkung des Autors). Das widerspricht der Idee des ökologischen Prinzips, alles zu tun, um den Klimakollaps zu vermeiden.

Den Menschen mit Normalverdienst werden durch zu hohe Mieten die Ressourcen entzogen, ihr Leben ökologisch und solidarisch auszurichten. Ein weiteres Problem des Kapitalismus ist der Pseudorationalismus des Preismechanismus. Sämtliche Informationen werden auf die Dimension des Preises reduziert und ausschließlich für die Maximierung von Profiten genutzt, wodurch zahlreiche Aspekte der Lebenswelt unberücksichtigt bleiben. Der Preis entsteht durch Angebot und Nachfrage. Ein Mangel erhöht den Preis. Das ist irrational. Eine neue demokratische Planung soll sich auf Analysen stützen, die die wichtigen Kriterien Umwelt, Ethik und Glück aufnehmen, und die Beteiligten aktiv an der Planung und Umsetzung einbeziehen.

Die kapitalistische Gesellschaft richtet die Entscheidungen hauptsächlich am Profit aus. Die individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit werden nur anerkannt, wenn sie das Profitprinzip nicht verletzen. Die zunehmende Intensität des Profitwettbewerbs erschwert es, die soziale Freiheiten, die nur durch die Zusammenarbeit mit anderen verwirklicht werden können, zu realisieren. "Wir sind heute in einem Zustand, der weder frei noch gerecht noch demokratisch ist", stellt Saito fest. Positiv könnte sich die Einbeziehung des impliziten Wissens (Begriff von Hayek zur Untermauerung der Unplanbarkeit der Wirtschaft) durch die partizipative Wirtschaft auswirken.

Das implizite Wissen ist das Wissen, das wir anwenden und das nur schwer aufzuschreiben ist. Die gesellschaftlichen Produktivkräfte bestehen aus dem impliziten Wissen der Handelnden und dem expliziten Wissen (Statistiken, Handbücher usw.). Die Beteiligung an der Gestaltung des Gemeinwesens ist der Schlüssel zur demokratischen Gesellschaft. Das implizite Wissen wird für das partizipative Wirtschaften genutzt. Heute können über digitale „Plattformgenossenschaften“ digital Bedarfe ermittelt und notwenige Dienstleistungen z.B. in der Pflege angeboten werden.

Umweltdaten über Satelliten für Wetterprognosen, Bodendaten über Trockenheit und Ernteerträge, logistische Daten und sozio-ökonomische Daten über die Menschen – wir sollten diese Information in die Planung miteinbeziehen und die ökologischen Grenzen der Wirtschaft erkennen und unsere Wirtschaft anpassen. Neben den reinen Geldwerten sind z.B. Emissionen zu erheben und das reine Wirtschafts- in ein Umweltrechnungswesen zu transformieren. Berücksichtigt werden müssen Biodiversität, ökologische Fußabdrücke, Umweltschäden: „Nicht allein die Maximierung des Profites, sondern auch das Management von Umweltbelastungen wird zu einer zentralen Aufgabe des täglichen Wirtschaftens.“ S. 297.

Ein dezentrales Netzwerk soll aufgebaut werden, das es erlaubt, alle benötigten Daten und Informationen und unter der Beteiligung von Bürgern und Organisationen in den Kommunen und in den regionalen Strukturen in die soziale und ökonomische Planung mit einzubeziehen und damit demokratisch und partizipativ die Wirtschaft und Gesellschaft neu zu gestalten. Gegebenenfalls sind Verstaatlichungen von Eisenbahn, Luftverkehr, Banken und zentrale Infrastrukturen (Straßen, Wasserversorgung u.a.) notwendig.

Beispiele aus Ecuador und Kolumbien aus den letzten fünf Jahren zeigen die Erfolge einer Umorientierung von einer kapitalistischen zu einem demokratischen Sozialismus. Ebenso sind Paris und New York heute Städte, die das solidarische und an den Commons orientierte Leben zum Erfolg geführt haben. In den Jahren 1917 bis 1934 war das „Rote Wien“ ebenso ein Beispiel für einen demokratischen Sozialismus. Es wurden z.B. in kurzer Zeit 60.000 Wohnungen für Arbeiter*innen geschaffen.

Das Buch regt zur Diskussion an. Wir stehen vor großen Herausforderungen und müssen über das Gewohnte hinausdenken. Nicht alles, was Saito anführt, mag das Richtige sein, doch sollten wir seine Gedanken ernst nehmen. Dr. Kohei Saito, geboren 1987, ist Professor für Philosophie an der Universität von Tokio. Er promovierte 2016 an der Humboldt-Universität in Berlin. Buchtitel: Kohei Saito - Am Ende des Fortschritts, Überleben in den Ruinen des Kapitalismus, 2. Auflage 2026.

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