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Sarría – Santiago de Compostela

Verantwortlicher Autor: Theo Goumas Santiago de Compostela, 15.05.2023, 00:35 Uhr
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Santiago de Compostela [ENA] Sarría oder Shariah, wie so mancher Pilger die Stadt nennt, liegt 114 km vor Santiago und ist somit ein sehr wichtiger Punkt für alle Pilger und die, die sich für solche halten. Denn, um die Compostela, das begehrte Zertifikat in Santiago zu erhalten, müssen Fußpilger mindestens 100 km wandern. Deswegen ist ab hier Schluss mit Lustig, bzw. der Ruhe und Einsamkeit, die man etwa 400 km ab Burgos genießen konnte.

Die Stadt mit ihren etwas über 13.000 Einwohnern, ist auch die letzte die verkehrsgünstig zu erreichen ist. Deswegen hat sie bei Möchtegernpilgern einen hohen Status und ist bei Pilgern gefürchtet. Wer weiterhin Ruhe sucht, der soll, wie der Wanderführer vorschlägt, mit Bus oder Bahn nach Ourense fahren und von dort nach Santiago pilgern und sich den ganzen Stress auf der Zielgeraden sparen. Nina, Randy und Carol hat man gestern zum letzten Mal gesehen und sich leider nicht verabschiedet, weil man dachte, man würde sich wiedersehen. Viele andere hat man auch zum letzten Mal gesehen und es ist traurig sich nicht verabschiedet und Nummern ausgetauscht zu haben.

Eigentlich wollte man die Strecke bis Santiago in fünf Tagen machen, aber am Morgen, als man noch in der Stadt auf die ersten Partypilger trifft, entscheidet man sich, so schnell wie möglich anzukommen und legt deswegen weite Strecken zurück. Man nimmt sich den Rat des Wanderführers zu Herzen und meidet Orte wie Portomarin, Palas de Rei und Arzúa, weil sie a) bei den Leuten sehr beliebt sind und b) nicht wirklich schön sind. Portomarin ist eine Hafenstadt und hat ein anderes Flair, aber das war’s dann auch schon. Arzúa ist hässlich und Palas de Rei ist nichts Besonderes.

Was man aber in Sarría frühmorgens antrifft, lässt einen erschaudern und die Gelassenheit, die man die letzten Wochen hatte, verschwindet auf einmal und weicht einer Aggression und man wundert sich über sich selbst und die neuartigen Gefühle, die man nicht haben wollte. Auf einmal schlendern sie vor einem, die Möchtegern- und Partypilger, die ihre Ausrüstung im Souvenirladen gekauft haben müssen, denn so ziemlich alles an ihnen schreit: Schaut her, ich bin ein Pilger! Blaue Kleidung mit gelben Pfeilen bzw. Muscheln und echte Muscheln hängen entweder an Kleidung oder an den kleinen Rücksäcken, die sie tragen.

Das Gepäck wird vorgeschickt, die 114 km werden in bis zu zwei Wochen zurückgelegt, jede Bar auf dem Weg wird mitgenommen, die Reise ist meistens organisiert, sie reden laut, hören laute Musik, schlendern und behindern wo sie nur können und man selbst flucht und wünscht sich nach Ourense gefahren zu sein, um das hier nicht miterleben zu müssen. Zu spät. Die Natur jedoch entschädigt für alles, denn sie ist wunderschön, und wie Richard meint, schaut aus wie Yorkshire in England. Unrecht hat er nicht.

Man hat jedoch auf dem Wanderführer gehört und bleibt nicht in Portomarin über Nacht, sondern hat in Castromaior gebucht, einem Dorf etwa 10 km nach Portomarin und über 33 km von Sarría entfernt. Man kämpft sich über 9 Stunden bei Hitze, Schwüle und auch Regen diverse Steigungen hoch, trifft in Portomarin zum letzten Mal auf Carlos und Hannah, und erreicht mit aller Kraft Castromaior, um zu erfahren, dass es im Dorf nichts zu essen gibt. Die einzige Bar, die es mal gab, hat vor langer Zeit zugemacht.

Man möchte schreien, hat aber keine Kraft. Nach dem Duschen schaut man auf Google nach und sieht, dass die nächste Bar/Restaurant in 6 km Entfernung liegt und möchte verzweifeln. Da erinnert man sich aber an eine Herberge in Gonzar, dem Dorf davor, die auch ein Restaurant hatte. Glücklicherweise liegt Gonzar nur 1,5 km zurück, sodass man in 20 Minuten zu Fuß da ist. Man isst, kauft sich auch was fürs Frühstück und bestellt sich ein Taxi, um zurückzufahren.

In der Früh hat man das Glück zumindest für einen Teil des Weges allein zu sein, weil die anderen aus Portomarin noch etliche Kilometer zurück sind. Bei einer Pause wird man aber eingeholt oder man holt diejenigen ein, die weiter vorne übernachtet haben und auf einmal ist es laut und voll und man wird wieder aggressiv. Und da wünscht man sich die Zeit in der Meseta zurück.

Die Strecke nach Boente ist 38,7 km lang und als man im Ort ankommt, findet man die Unterkunft nicht, weil die Koordinaten nicht stimmen. Erst ein Einheimischer weist den Weg. Der Pool, mit dem die Herberge wirbt, existiert zwar, ist aber Cerrado. Zu, kein Wasser drin. So verbringt man längere Zeit im Restaurant und auf dem Zimmer, denn Boente hat außer einer Kirche, die direkt gegenüber liegt und ein paar schönen Gebäuden, nichts zu bieten und man selbst hat nach so einer langen Wanderung keine Kraft mehr.

Zwei Tage noch und man kann es kaum erwarten. Man malt sich das Ankommen in Santiago aus, weiß aber nicht, wie es in Wirklichkeit sein wird. Wird man froh oder traurig sein, dass es vorbei ist? Wird man vor Freude tanzen (falls man die Kraft dazu hat) oder in ein tiefes Loch fallen? Wird man die Kraft haben die 3-4 Tage nach Fisterra und danach noch 2 Tage nach Muxia zu wandern, so wie man es sich ausgemalt hat? Und wird jemand auf einen vor der Kathedrale warten oder wird man jemandem auf dem Weg finden und zusammen den Weg beenden? Fragen über Fragen schießen durch den Kopf.

Der Weg nach O Pedrouzo ist mit 28,6 Km kürzer, aber voller und der Ort ist recht voll, weil er der größte Ort und etwa 21 km vor Santiago ist, wird er von vielen bevorzugt. Fast alle Restaurants sind zu, als man ankommt und die wenigen, die aufhaben, sind überrannt und das Personal überfordert, sodass man sehr lange auf sein Essen warten muss. Am letzten Morgen vor Santiago wird es voll auf dem Weg und sehr viele Partypilger decken sich auf dem Weg, bei diversen Ständen mit Souvenirs ein. Die 21 km ziehen sich und wollen nicht enden und besonders schlimm sind die letzten 5 km von Monte do Gozo runter in die Stadt. Man läuft und läuft und läuft und kommt irgendwie nicht an.

Man will das Ganze hinter sich bringen und es dauert eine Ewigkeit, bis man ankommt. Hinzu kommt, dass ein Festival stattfindet, die Stadt voller Leute ist, durch die man gehen muss, die Wegweiser nicht findet, bzw. sieht und man auf sein Gefühl vertrauen muss, den richtigen Weg zu finden. Als man endlich auf dem Platz vor der Kathedrale ankommt, ist man sehr glücklich, dass man es nach fünf Wochen und einem Tag geschafft hat, will vor Freunde springen und tanzen, hat aber die Kraft nicht dazu.

Man schaut sich um und sieht lauter Pilger und direkt gegenüber, die Geister, die man gerufen hat: Hape nickt anerkennend, Shirley MacLaine ist mit ihrem Ritter John da, wie auch Paolo Coelho mit seinem Guru. Als ein paar Sekunden später Anja auftaucht, ist man umso glücklicher und fällt sich in die Arme und macht ein paar Fotos und räumt das Feld. Man geht was trinken und später was essen. Es ist richtig voll in Santiago und es herrscht eine eigenartige Stimmung. Manche weinen, manche lachen, andere liegen auf dem Platz und starren auf die Kathedrale, Pilger kommen und gehen, Musik ist von überall zu hören und der eigene Soundtrack, der einen wochenlang begleitet hat, ist wieder im Kopf und herrscht für Glücksgefühle.

Die Aggressivität ist weg, was sehr positiv ist. Abends trifft man sich mit Anja, Amanda und ihrem Mann, der extra aus England gekommen ist und geht in eine Bar. Dort sitzt man überglücklich und glaubt es kaum, dass man es geschafft hat. Amanda, die drei Tage vorher angekommen ist, sagt, dass sie es immer noch nicht begreifen kann. Man redet über Personen und Geschehnisse und kann kaum glauben, was so alles in den vergangenen Wochen passiert ist.

Am nächsten Tag fliegen Amanda und ihr Mann nach England zurück, selber fährt man mit Anja mit dem Bus nach Fisterra anstatt zu wandern, weil man keine Kraft und keine Zeit mehr hat. Leider verpasst man viele Freunde und Bekannte, die ankommen werden, und man stellt sich die Frage, ob es richtig ist so früh abzufahren oder ob es besser wäre, noch 1-2 Tage in Santiago zu bleiben.

Fisterra oder Finisterre, ist nicht so schön, wie man es erwartet hat, aber die Strecke, die der Bus nimmt, ist wunderschön. Später erfährt man, dass auch die Wanderroute sehr schön ist. Der Ort ist klein, leer, sehr ruhig, hat einen sehr kleinen Strand, viele Geschäfte sind zu, und das Stück am Hafen ist hässlich. Von einem Ort am Meer erwartet man etwas anderes. Man läuft zum Leuchtturm und wird entschädigt, denn auf dem Weg liegt eine wunderschöne alte Kirche, die Strecke ist sehr grün und die Klippen am Ende der Welt sind spektakulär.

Nach zwei Nächten geht die Wanderung nach Muxia weiter. 30 km in zwei Etappen. Da es auf dieser Strecke an Infrastruktur mangelt, übernachtet man in der Mitte, in Lires. Kleines malerisches Dorf mit einem Strand in der Nähe und einer Bar mit Aussicht über dem Atlantik auf einem Hügel. Dort trifft man sich mit anderen Pilgern am Abend, die den portugiesischen Weg gewandert sind, und weil er viel zu kurz war, sie noch eine Extrawoche angehängt haben.

Die Strecke zwischen Fisterra und Muxia verläuft meistens im Wald und man durchquert ein paar Dörfer und Siedlungen und freut sich schon auf Muxia, weil man gehört hat, dass es ein wunderschöner Ort sein soll, aber wenn man da ankommt und graue seelenlose Gebäude sieht, trifft einen der Schlag. Wer in der städtischen Herberge übernachten möchte, wird sich wie in einem Gefängnis vorkommen. Die Stadt ändert ihr Gesicht, wenn man weiter rein geht. Das Zentrum, die Strand- und Hafenpromenade sind ganz hübsch und wer sich auf dem Weg zum Leuchtturm macht, der wird begeistert sein.

Neben der Compostela in Santiago, kann man die Fisterrana und die Muxiana erhalten und hat somit drei Zertifikate, die beweisen, dass man ein Profipilger ist. Oder wie so mancher scherzhaft sagt, die Compostela ist das Diplom, und die anderen zwei der Master und der Doktortitel. Man fährt dann mit dem Bus nach Santiago und als man ankommt ist man traurig und wünscht sich, nicht so schnell weggegangen zu sein. Man wünscht sich, länger geblieben zu sein, um auf Freunde und Bekannte gewartet und sie umarmt und verabschiedet zu haben.

Man wünscht sich mit ihnen durch die Stadt gezogen zu sein und sich die vielen Sehenswürdigkeiten angeschaut und mit ihnen gefeiert und unterhalten zu haben. Wer Trost sucht, kann zur Messe mittags oder abends gehen und wenn der Priester nach der regulären Messe, eine Pilgermesse abhält, findet den Trost, den er sucht. Bei Hape heißt es, man weint mindestens einmal. Spätestens hier kullern viele Tränen. Was bleibt sind jede Menge Erinnerungen, Gefühle, Freund- und Bekanntschaften und die Erkenntnis, dass man so etwas nirgendwo sonst erleben kann.

Während man entweder in der Messe oder draußen auf dem Platz sitzt, denkt man und bedankt sich im Geiste bei allen Personen, die einen über den ganzen Weg begleitet haben. Die Liste kann ewig lang sein und den einen oder anderen hat man vielleicht vergessen. Gesegnet sollen alle sein, denn ohne sie, ohne deren Hilfe, Begleitung, Gespräche, etc., wäre es nicht zu dem wunderbaren Erlebnis gekommen. Wer immer noch nicht nach Hause möchte, der kann wie so mancher ewig auf dem Camino bleiben oder zumindest eine Zeit weiterpilgern oder nach Firenze, nach Rom und nach Pisa. Moment, das war Rainhard Fendrich (Strada del Sole, https://www.youtube.com/watch?v=3OchUN1i8ZE). Rom und Jerusalem sollte es sein.

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